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Ouhi Cha

Objet trouvé Dialog-Zwischenzeilen13. September bis Anfang November 2004

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Ouhi Cha,

all diejenigen von Ihnen, die in der Vergangenheit in dieser Galerie oder anderswo Werke von Ouhi Cha gesehen haben, werden angesichts der hier ausgestellten Druckgraphiken, Zeichnungen und Bildobjekte konstatieren, dass deren Bildsprache sich gewandelt hat. Sie belegen eine in den vergangenen Jahren vorangetriebene konsequente Entwicklung, die sich zwar auf eine vor langem initiierte Auseinandersetzung mit bestimmten Sujets


und bildnerischen Formeln stützt, deren künstlerische Bearbeitung und Formulierung sich jedoch verändert hat.

Bislang grundsätzlich frei auf Bildern, Collagen und Zeichnungen, auch als Bestandteil raumgreifender Installationen wirkende Elemente, also Zeichen, flächige Partien und Strukturen entwickeln sich zu stringent miteinander kommunizierenen abstrakten Komplexen, deren Zusammenwirken eine Hinwendung zur konstruktiv-konkreten Kunst andeuten mögen, ohne das dies der Intention der Künstlerin entspräche. Sie ist keine Systematikerin und orientiert sich nicht an einer wie immer definierten mathematischen oder seriellen Vorstellung, sondern kombiniert die Bestandteile ihrer Objekte intuitiv, folgt ihrer Inspiration. Übrigens vergessen wir keineswegs, dass selbst Piet Mondrian, die Vaterfigur der strengen, aber vielfältigen konstruktiven "Familie" - "ganz gegen die allgemeine Erwartung - seine Meisterwerke intuitiv komponierte, also ohne Millimeter-Maßstab und ohne 'dabei ein Rechner zu sein', wie Max Bill einmal bemerkte". (Adolf Max Vogt, "Die Hunde bellen - die Karawane zieht weiter", in: Neue Zürcher Zeitung, 2. November 2002.)

Die Arbeiten auf Papier, Lithographien vom Stein mit Blindprägungen und die Zeichnungen, bei denen die mit Tusche gesetzten Zeichen mit ins schwere, handgeschöpfte Reispapier geprägten oder dem Messer geritzten geometrischen Formen in Verbindung gebracht werden, öffnen den Blick für Ouhi Chas Vorgehen. Sie entwirft hier bildnerische Systeme, deren Details ihren Ursprung in Konstruktionsentwürfen von Schiffen haben könnten, deren Wesen und Gestalt Ouhi Cha seit beinahe fünfzehn Jahren als Ausgangspunkt für eine umfangreiche künstlerische Recherche verwendet. Auch die wiederholte Nutzung bearbeiteter Segelleinen, das bei Installationen und Objekten, in denen es paketförmig zusammengefaltet und verknotet Geheimnisse der Malerei und Schrift bewahrt, ist in diesem Zusammenhang zu begreifen. In Holzkästen eingelassen, lassen sie an von Schreinen behütete Fetische denken, deren Präsenz stellvertretend für subtile, persönliche Gedankenmuster und Botschaften steht.

Zeichnungen werden von tiefschwarzen Linien-Gebilden dominiert, die im Ansatz stereometrisch, tiefenräumlich wirken und aus unregelmäßigen Rechtecken zusammengesetzt sind, von denen man meint, sie entwickeln sich aus sich selbst heraus fort. Ihr realer Ursprung als exakte technische Aufrisse für Abgänge, Flure, treppenverläufe auf architektonischen Plänen wird einerseits durch die freie Übersetzung, andererseits durch die Situierung der Form im Bildraum überspielt und so stellen sie sich als autonome Formen dar, die einen Dialog zu aus kleinen Blöcken gestalteten, weiß belassenen und durch die Prägung erhaben über den Flächen stehenden Geometrien suchen. Ähnlich den wie aus stilisierten Planken zusammengesetzt erscheinenden Rechtecken dienen sie auf den Zeichnungen als Mittel, die dezentralisierte, in leiser Bewegung befindlichen Kompositionen zu stabilisieren. Die mittels unterlegter Holzstempel präzise gedruckten Prägungen unterstreichen die Wirkung der Farbe, akzentuieren im Widerspiel die gezeichneten Konturen und evozieren zugleich einen haptischen Effekt. Ouhi Chas Anliegen, in die dritte Dimension vorzudringen, das heißt Reliefs und Objekte zu schaffen, lassen diese Arbeiten auf Papier als logische Folgerung erscheinen.

Die in sich dichten, kleinformatigen Assemblagen wollen in diesem Zusammenhang gesehen werden. Die plastischen Notationen mit dem Titel "Objet trouvé - Dialog-Zwischenzeilen", bestehen aus Folgen rhythmisch kombinierter kleiner Stäbe unterschiedlicher Größe. Sie sind aus diversen unterschiedlich langen Holzteilen montiert und monochrom mit einer duffen schwarzen oder weissen Bemalung überzogen. Ihre minimalen, doch komplexen Strukturen sind unsystematisch angelegt. Miteinander verknüpfte, über- und nebeneinander arrangierte Klötze mit ähnlich geometrischen Grundformen bewirken durch ihre parallel aufgebauten Anordnungen den Eindruck verhalten dynamischer, in sich rhythmisch bewegter, verfestigter Energien. Ihrer geringen Größe zum Trotz nehmen ihre Kräfte nachhaltigen physischen Einfluss auf Wand und Raum. Das Verhalten einzelner Details auf der Fläche lässt sich mit dem vom Maler organisierten Strich in der Malerei vergleichen, dessen Funktion Kandinsky wie folgt beschrieb: "Heute muss jeder Maler wissen, dass ein Farbenstrich den andern beeinflusst, nach den bestimmten Gesetzen des Gegensatzes und der gegenseitigen Ergänzung ... Eine Linie ist eine Kraft, die ähnlich wie alle elementaren Kräfte tätig ist; mehrere in Verbindung gebrachte, sich aber widerstrebende Linien bewirken dasselbe wie mehrere gegeneinander wirkende elementare Kräfte." (Zit. nach Max Bill, Einführung zur 8. Auflage von Wassili Kandinskys "Über das Gestige in der Kunst", vgl. Eugen Grominger, Abstrakte Kunst - warum abstrakt?, in: Abstrakt, Deutscher Künstlerbund, Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Ostfildern 1993, S. 11.)

Der kreative Akt scheint willkürlich begrenzt, weil die Komposition über die fest umrissene Form hinaus funktioniert, und zwar nicht ausschließlich im formalen Sinne, denn Ouhi Cha vergleicht im Gespräch ihre Arbeiten mit Eisbergen, von denen auch nur ein Neuntel ihrer Gesamtmasse über die Meeresoberfläche herausragt. Eine solche Äusserung mag als weiteres Indiz dafür herhalten, dass diese Künstlerin sich nie Konkreter Kunst annähert, denn deren Bilder weisen nicht über sich selbst hinaus, sondern bedeuten nur sich selbst und schließen individuelle, emotionale Aussagen aus. Ouhi Cha versucht im Adorno'schen Sinne Chaos in die Ordnung zu bringen. Sichtbare Zeichen und Konstrukte verweisen auf tiefere Bedeutungsebenen, deren Dechiffrierung und Beurteilung dem rezipierenden Publikum überlassen bleibt.

Abstufungen von Licht und Schatten auf den Ebenen der Reliefs suggerieren Bewegungsabläfe, die die Wahrnehmung von Farbe und Einzelformen beeinflussen und den Deutungsspielraum erweitern. Die Schwingungen, die von diesen Schichtungen ausgehen, vermitteln eine ernste, hintergründige, poetische Stimmung, weil sie von inneren Gefülen sprechen und die Imagination des Betrachters in gleicher Weise sensibilisieren wie sie der sensuellen Selbstvergewisserung und -bespiegelung der Künstlerin dienen mögen. Sie reflektieren bewusst vorhandene und verschüttete Erkenntnisse und Erinnerungen, die sich in neuer Weise manifestieren. Aus der Andeutung soll sich das Ganze erschließen, dessen Begrifflichkeit über das Sichtbare, die gegebene Erfahrenswelt hinaus verweist. Um mit den Worten des Phänomenologen Edmund Husserl zu sprechen: "Das Dargestellte kann niemals das Jetzt darstellen, es kann also nur ein anderes, ein nichtgewähltes darstellen." (Edmund Husserl, Formale und transzendentale Logik, Den Haag 1952, S. 280, vgl. Hannelore Paflik-Huber, in Dies. (Hrsg.), Bernd Zimmer - Maler, Köln 2002.)

Weiter noch als bei diesen Objekten geht die Künstlerin in ihrer jüngsten Bildfolge. Wiederum reduziert sie ihre Mittel und ihre Bildsprache auf ein Minimum und beschränkt sich darauf, kleine Holzstücke auf unterlegten Holzplatten anzuordnen. Das Arrangement der Stäbe, die wie Kreidestücke auf den in Quadrate aufgeteilten weissen oder schwarzen Grund aufgebracht sind, ist frei gewählt, angelegt ohne eine methodische Gesetzmäßigkeit, die man beim ersten Hinschauen vermuten könnte, spontan, aber auch nie willkürlich. Die Stellung jedes einzelnen der kleinen Module - und das gilt auch für kleinere monochrom weiß oder schwarz bemalte Arbeiten - orientiert sich ausschließlich an der des jeweils zuvor fixierten. Stück für Stück wird aneinandergereiht, wobei Ouhi Cha die den Bildgrund aufteilenden Linien als Orientierung dienen, der sie folgt oder aber über die sie sich hinwegsetzt, wenn sie Einzelformen findet, die zwar jede für sich als geometrische Anordnung gelten können, deren Formulierung aber vielmehr instinktivem Gestaltungswillen und perzeptiver Experimentierlust folgt als methodischem Denken. So basiert jedes dieser formstrengen Werke auf einer individuellen, irrationalen Kombinatorik und verknüpft sich schlüssig mit anderen Zyklen in der Entwicklung des Gesamtschaffens von Ouhi Cha.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und möchte Sie nicht länger von der Betrachtung der Ausstellung abhalten.

Dr. Jürgen Schilling
Eröffnungsrede zur Ausstellung

Last update: 7.12.2006