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Fred Thieler

Retrospektive - Dialog mit Farbeab 8. September 2004

Was für Bilder! Welch eine Malerei! Der Atem steht vor lauter Schauen! – Kleist kommt in den Sinn: "... als ob einem die Augenlider weggeschnitten seien."

Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Es ist, das muss ich zugeben, etwas ungewöhnlich, eine Einführung mit dem Zitat eines Anderen zu beginnen. Aber dieser Andere ist berufsmäßig seit Jahren mit der Arbeit Fred Thielers vertraut und hat genau mit diesen Worten seinen Textbeitrag zum Katalog einer Ausstellung unter gleichem Titel "Dialog mit Farbe" in der Kunsthalle Emden sowie in den Orten Herford und Schweinfurt begonnen.

Es war Jörn Merkert, der Leiter der Berlinischen Galerie, der von den neuesten Arbeiten Thielers so beeindruckt war, dass er mit einer solchen Fanfare seine Würdigung 1991 begann und später im Text von musikalischen Höhen der Koloristik schwärmte. Er wird auch bei der am 23. Oktober anstehenden Wiedereröffnung seines Museums Fred Thieler prominent zeigen, immerhin hat die Berlinische mit 20 Arbeiten einen der größten Bestände der deutschen Kunst-Museen, von denen die meisten Arbeiten dieses Künstlers haben.


Wer also ist dieser Maler, der allseits als eine der herausragenden Figuren des deutschen "Informel" angesehen wird?

Geboren wurde er am 17. März 1916 als Fritz Wilhelm Richard Thieler in Königsberg. Der Vater Richard Thieler ist Schuldirektor, die Mutter Lina, geb. Miserowitz, ist Hausfrau.

Fritz, der sich seit den 40er Jahren Fred nennt, ist ein guter Schüler und spielt ausgezeichnet Tennis. Mehrmals wird er Meister in seiner Altersklasse. Als ihm aber dieser Titel 1933 aberkannt wird, da seine Mutter Jüdin, er mithin Halbjude ist, wird er tief getroffen. Belästigungen und Schikanen nehmen zu, bis er 1937 sein Abiturzeugnis erhält. Er will Arzt werden.

Nach 8 Monaten immatrikuliert er sich an der Universität in Königsberg für das Fach Medizin. Aber schon wenige Woche später wird er zum Wehrdienst eingezogen, der bei ihm nahtlos in den Kriegseinsatz in Polen übergeht.

1940 kann er ein Semester Medizin studieren, dann folgt ein Militäreinsatz im Frankreich-Feldzug und nach dessen Ende: Entlassung aus dem Heeresdienst aus "rassischen" Gründen und ein generelles Studienverbot.

Es folgt von 1941 bis 1945 eine schlimme, eine gefährliche Zeit. Um überhaupt Lebensmittelmarken zu bekommen braucht er eine Arbeit. Er schreibt sich bei der privaten Malschule von Hein König ein. Da dieser enge Kontakt zu den Nationalsozialisten hat, die inzwischen nach Thieler fahnden, muss er in den Untergrund. Zeitweise findet er Unterschlupf bei dem Grafiker Paul Flora in Innsbruck, zeitweise bei einem Schweizer Ehepaar in München. Als diese nach den Bombardements München verlassen, besorgt er sich falsche Papiere. Er arbeitet mit dem Umfeld der "Weißen Rose" und dem Maler und Widerstandskämpfer Mac Zimmermann zusammen.

In dieser bedrängten Zeit, ohne Lebensmittelkarten, ohne Geld, schafft er es, seine jüdische Mutter ebenfalls illegal in München durch die Kriegszeit zu bringen – sie stirbt erst 1961 in Berlin – und versteckt auch noch einen im Februar 1945 aus der Militärstrafanstalt in Nürnberg geflohenen Häftling.

Nach Kriegsende fühlt er sich mit fast 30 Jahren zu alt, seinem ursprünglichen Berufswunsch nachzugehen. Er schreibt sich 1946 an der Kunstschule München bei Carl Caspar ein. Aber auch später findet man immer wieder Zitate von Fred Thieler, die darauf hinweisen, dass er eigentlich Arzt, Chirurg werden wollte, so wenn er 1983 schreibt: ... dass die Farbe sauber war, war für mich irgendwo so etwas, wie man ordentlich operiert.

So hat – als Ironie der Geschichte – der Nationalsozialismus, der größte Feind der modernen Kunst, dafür gesorgt, dass ein Mensch, der eigentlich Arzt werden wollte, durch ihn zu einem modernen, ja, abstrakten Künstler wurde. So wie er aber auch dafür sorgte, dass Fred Thieler einer der letzten Künstler aus Ostpreußen wurde.

Abstrakt, Tachismus, Informel, Namen, die die Studenten der Akademien in Deutschland nach 12jähriger Isolation erst lernen mussten. Die Abstraktion war seit 1909 durch Kandinskys Bilder ein Begriff. Der Tachismus war eine aus Frankreich kommende Entwicklung der ersten Nachkriegszeit, bei der aus eher kleinteiligen Flecken – daher der französische Name – ungegenständliche Bildflächen entstanden.
Informel aber ging weiter darüber hinaus, bezeichnet ebenfalls ungegenständliche Bildflächen, aber nicht nur aus Flecken und Klecksen, sondern auch aus gestischen Schwüngen und großzügigen Bewegungsabläufen.

In dieses Informel ist Fred Thieler einzuordnen, und hier ist er – wie Heinz Ohff 1985 schreibt – einer der herausragendsten Maler seiner Zeit. In den 50er Jahren war Informel die tragende Bewegung. In den 60ern bis in die 90er Jahre wurde aus dem Protagonisten dieser Bewegung mehr und mehr ein Einzelkämpfer, oder wie Eberhard Roters sagt, ein großer Einzelner. Und seine Bilder wurden von Jahrzehnt zu Jahrzehnt besser. Da es sich hier um eine Retrospektive handelt, wollen wir die Entwicklung in großen Zügen nachvollziehen.

Nach gegenständlichen Anfängen in der Akademie malt er 1947 sein erstes abstraktes Bild. Später erwähnt er stolz, in der Klasse Caspar der erste gewesen zu sein, dem das erlaubt wurde. In den frühen 50er Jahren kommt Dynamik in seine Bilder, aber noch recht geordnet durch klare Komposition. Die Bilder werden herkömmlich mit dem Pinsel gemalt.

Etwa seit 1954 experimentiert Thieler mit dem Spachtel. Es werden trockene, zähe Siebdruckfarben auf die Bildfläche gespachtelt, eine Methode, die ein extrem schnelles Arbeiten erfordert, da die aufgebrachte Farbmenge schnell erstarrt und eine spätere Bearbeitung oder Korrektur unmöglich macht. Andrea Firmenich von der Kunsthalle Emden beschreibt es treffend: Eine splittrig-kristalline Kleinteiligkeit wie tausendfach zersprungenes Glas breitet sich auf dem Malgrund aus. Hier ist Thieler dem Tachismus am nächsten.

Um 1962 erfolgt dann ein grundlegender Wandel. Ein fast 2 mal 4 Meter großes Bild aus diesem Jahr, es gehört der erwähnten Berlinischen Galerie, trägt den programmatischen Titel "Mutabor", also "ich werde verändert". Er veränderte sich total – und blieb im Wesentlichen bei dieser Richtung bis zum Schluss.

Der kleinteilige Farbauftrag wird durch große zusammenhängende Farbflächen ersetzt. Die Farbpalette wird streng gestrafft, außer Rot und Blau kommen neben Schwarz und Weiß, diese 4 allerdings in allen Schattierungen, nur sehr selten und nur in Spuren andere Farben vor, allenfalls Gelb. Dies hält er so streng ein, dass man bald von "Thieler-Farben" spricht.

Hatte er bisher mühsam mit der zähen Farbe gerungen, so spielt er nunmehr quasi mit ihr. Die Farbe wird nicht mehr traditionell aufgetragen sondern auf die liegende Bildfläche gegossen. Es kommt zum Zwiegespräch mit der Farbe, zum "Dialog". Thieler schüttet eine stark verdünnte Farbe auf, lässt sie "antworten", trägt sein Teil dazu bei und so fort. Mir diktiert das Bild eigentlich den Vorgang des Malens sagt er und insofern malen sich die Bilder selber. Aber wir wollen die Leistung des Künstlers nicht so kokett sehen wie er selbst, es ist nicht nur Zufall im Spiel sondern Können und jahrelange Erfahrung. Er hat das erste Wort und dirigiert, kontrolliert – lässt aber auch zu.

Dazu zieht er sich jede Nacht zwischen 9 Uhr abends und 2 Uhr morgens in sein Atelier in einer aufgelassenen Kirche zurück und in der Einsamkeit und Ruhe dieses großen Ateliers setzt er sich den Herausforderungen seiner Farbwelten aus. Er nennt es seine expressive Meditation und erklärt: Maler sein heißt für mich, die Existenz eines Zeitgenossen zu führen, der den Hauptteil seines Daseins mit dem Versuch verbringt, die Impulse seines Lebens: Anregungen wie Depressionen, Intuitionen wie berechnende Überlegungen, Reaktionen aus Einzelerlebnissen wie Erlebnisketten malend aufzuzeigen – oder im Malvorgang zu gewinnen.

Aber innerhalb dieser Dialoge mit der Farbe gibt es deutlich erkennbare Stufen. So werden ab 1964 Collage-Elemente auf die Bildfläche geklebt, um den Farbfluss zu hemmen oder in bestimmte Richtungen zu beeinflussen. Gleichzeitig gibt es De-Collage-Bilder, bei denen gefärbte Flächen entfernt werden, um Untergrundfarben frei zu setzen. Eine Verfeinerung der Collagen sind die so genannten "In-Bilder", ab 1966, bei denen eine rechteckige Stoffbahn diagonal in eine größere Bildfläche aufgenommen wird, also ein Bild sich in einem anderen befindet.

Ab 1971 dann ist Thieler so versiert im Guss der Farben, dass er auf Collage-Elemente ganz verzichten kann. Er lernte so "scharf" zu gießen, wie er es bezeichnet, dass er die plane Leinwand bearbeiten kann, allenfalls noch mit Hilfe kurzfristig darunter gelegter Gegenstände. Die Leinwand wird nicht mehr grundiert, um die Farbe besser aufzunehmen, später wird sie durch ebenfalls ungrundiertes Segeltuch ersetzt. So werden die Bilder immer strahlender.
In den 80er und 90er Jahren hat Fred Thieler die größte Meisterschaft erreicht. Nun strömt die Farbe in ungebrochenem Fluss, in leuchtendem Rot, in kraftvollem Blau, erhöht durch Weiß oder dämonisert durch Schwarz. Manfred de la Motte, einer der profundesten Kenner des Werkes von Thieler, fasst das Spektrum wie folgt: Da gibt es: sagt er - zartfarbige, verhangene Nebelschleier-Bilder, weich, hell, leuchtend, zärtlich; - ganz präzise gegossene Bilder mit sehr scharfen Konturen, eher Holzschnitte als Aquarelle. Klare Farben, man sieht weit;
- große, auch riesige Arbeiten, meist in Blau und Dunkel, aber auch licht und transparent, romantisch, spärisch, souverän und gelassen. Große Ruhe, Weite;
- und wieder Collagen, aber ganz anders als früher; weniger gegensätzlich, homogener, meist auch sparsamer und diskreter, man gewahrt das Collagierte kaum;
- Bilder von intensiver Stille, prall gefüllt mit köstlicher Leere. Man kann tief durchatmen;
- turbulente, laute, übervolle Bilder, prall gefüllt mit Ereignissen. Aber dies Getöse ist metropolitan.


Das sind die Bilder, die Jörn Merkert nicht nur zu den eingangs zitierten Sätzen anstifteten sondern durch ihre strahlende Festlichkeit ihn und Andrea Firmenich auch zur Herausgabe des rund 500 Seiten starken Werkverzeichnisses, noch zu Lebzeiten des Malers. Erst 4 Jahre danach, am 6. Juni 1999 ist Fred Thieler gestorben.

Unter den über 12 Hundert darin erfassten Bildern sind auch 2 Besonderheiten. Einmal eine mit informeller Malerei in Emmerich nahe der holländischen Grenze 1965 ausgestattete Kirche, die der Gemeinde so gefiel, dass Thieler einen Anschlussauftrag über 14 Kreuzwegstationen erhielt, ungegenständliche Kreuzwegstationen! Zum anderen seine größte Arbeit, der 18 mal 11 Meter große "Nachthimmel", das 1988/89 geschaffene Deckengemälde im Residenztheater in München.

Undankbar fänden es viele jüngere Künstler in Berlin, würde man nicht auf seine hoch geschätzte Lehrtätigkeit an der Universität der Künste verweisen. Zu seinen Schülern zählten Künstler der unterschiedlichsten Richtungen, von Hödicke oder Lüpertz bis zu Petrick oder Sorge. Er förderte die Gruppe "Großgörschen" ebenso wie die "Potsdamer", seine Enkelschüler wurden ter Hell, Rohling, Mang, Fetting, Salomé oder Middendorf.

Lassen wir zum Schluss Fred Thieler selbst zu seinen Bildern sprechen: Wozu Worte über Bilder? Schaut doch hin!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Hartmut Ackermeier
Rede zur Eröffnung der Ausstellung

Last update: 11.10.2004