galerie georg nothelfer






Walter Stöhrer

Bilder, Gouachen, Grafik8. April bis 21. Mai 2005

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich stehe heute aus einem traurigen Anlass als "Ersatzmann" vor Ihnen. Wie Sie mit der Einladung erfahren haben, ist Manfred de la Motte vor kurzem gestorben. Er verstarb am 19. März dieses Jahres im Alter von gerade 70 Jahren. Als ich das erste Mal vor Besuchern einer Ausstellung der Galerie Nothelfer sprach, war die Einladung dazu genau so plötzlich und unvermittelt wie dieses Mal. Seinerzeit sollte Manfred de la Motte die einführenden Worte sprechen, er wurde verhindert durch Einlieferung in ein Krankenhaus in Greifswald, ich sprang ein.


Heute ist es aus einem ähnlichen, aber viel ernsteren Grund das zweite Mal, dass ich ihn vertreten muss. Georg Nothelfer und ich, wir haben überlegt, wie wir am respektvollsten mit dieser Situation umgehen und sind zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht allein über den ausgestellten Künstler Walter Stöhrer spreche sondern auch über Manfred de la Motte, der den Maler über Jahre begleitete und Texte über ihn verfasste. Er stand viele Jahre an solcher Stelle wie ich jetzt und wir glauben, es ihm zu schulden, dass der vorzutragende Text nicht zuletzt aus Zitaten aus der Feder von Manfred de la Motte stammen sollte.

Zunächst über den - ich will ihn Autor nennen -, über Manfred de la Motte. Geboren am 11. Januar 1935 in Iserlohn, studierte er nach dem Abitur Kunstgeschichte der Sino- und Japanologie an verschiedenen Universitäten und wurde 1957 für 3 Jahre Leiter der "Galerie 22" in Düsseldorf. Von 1961 bis 63 leitete er das "Haus am Waldsee" hier in Berlin.

Mit seiner ersten Ausstellung dort, der „Gegenwart bis 62“ zeigte er die wichtigsten Maler der informellen Abstraktion der 50er Jahre, von Mark Tobey, Henri Michaux und Jean Fautrier bis zu Jean Dubuffet, Robert Motherwell, Antonio Saura und WOLS. An deutschen Malern waren u.a. vertreten Karl Otto Götz, Karl Fred Dahmen, Emil Schumacher und von den Berlinern Hann Trier, Fred Thieler und Hermann Bachmann. Dies war eine der ersten Ausstellungen, die ich nach meinem Umzug nach Berlin sah. Ebenso wie auf Heinz Ohff vom Tagesspiegel machte sie auf mich einen großen Eindruck, ich erwarb im gleichen Jahr eine Arbeit von Hermann Bachmann.

Der Kritiker Hellmuth Kotschenreuter von der Berliner Morgenpost wetterte dagegen: "Gezeigt werden subjektivistische Selbstdarstellungen maßlos überschätzter Ein-Jahres-Genies", er fragt sich "wie erwachsene Menschen derlei infantile Dinge ernst nehmen können" und glaubt, die Ausstellung verkünde "bloß ein paar Privatansichten des neuen Hausherrn". Sie verzeihen bitte den Ausflug in die provinzielle Presse der damaligen Halbstadt. Wohl einer der Gründe, dass Manfred de la Motte schon 1 Jahr später nach Ausstellungen wie "Skripturale Malerei" und Einzelschauen u.a. von Fred Thieler als Direktor zum Kunstverein Hannover wechselte.

Im Anschluss daran wird er Ausstellungsleiter der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, Dozent an verschiedenen Hochschulen und schließlich freier Ausstellungsmacher und Publizist. Als solchen werden wir ihn im folgenden auszugsweise hören. Gestorben ist er am 19. März in Villingen-Schwenningen am Rande des Schwarzwaldes.

Nun zu Walter Stöhrer. Genau 2 Jahre und 4 Tage nach Manfred de la Motte wird er am 15. Januar 1037 in Stuttgart als Sohn eines Malers geboren. Bis zum Kriegsende lebt er im Nordschwarzwald, dann bis 1960 in Karlsruhe und kommt nach dem Studium dort bei HAP Grieshaber im gleichen Jahr nach Berlin. Sein erstes Atelier hat er zusammen mit Rolf Szymanski im Wedding. Von 1981 bis 82 hat er eine Gastprofessur, wird 1984 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und hat ab 1986 eine Professur an der HdK, der heutigen Universität der Künste.

Seit 1959 bis heute hat er in jedem Jahr mehrere Ausstellungen von denen hier nur die wichtigsten Einzelausstellungen aufgezählt werden: 61 die erste, 62 zum ersten Mal in Berlin, Galerie Schüler, 65 erstmals im Ausland, Galerie Nächst St. Stephan in Wien, 76 dann die 1. in der Galerie Nothelfer, 80/81 die Kunstvereine Stuttgart und Mannheim, 83 die Kunsthalle Bremen und das Hessische Landesmuseum Darmstadt, 84 Kunstmuseum Düsseldorf und die Galerie Maeght Paris, 85 Galerie Lefèbre New York, 89 Berlinische Galerie, 90 Kunsthalle Kiel, 93 wieder Bremen, 95 Kunsthalle Karlsruhe und Galerie der Stadt Stuttgart, 98 Kunstverein Hannover, 2000 Landesmuseum Schleswig und Kunstmuseum Tondern in Dänemark, 2001 und 02 Museen in Rostock und Bielefeld und die bisher letzte zur Zeit lufende Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart.

Im Katalog der Ausstellung Kunstverein Hannover von 1998 wird Walter Stöhrer in der ersten Reihe der deutschen Nachkriegskünstler genannt. Eckhard Schneider schreibt: "1960 liegt lange zurück. In den darauffolgenden vier Jahrzehnten folgten gleich mehrere Malergenerationen, aber nur einzelne haben aus heutiger Sicht ihre Bedeutung behalten. Dazu gehören sicherlich Gerhard Richter, Sigmar Polke und Georg Baselitz und, wenn auch mit seinem Werk früher ansetzend, Walter Stöhrer."

Schon in einer der ersten Ausstellungen kam es zur Begegnung der beiden Steinböcke Walter Stöhrer und Manfred de la Motte. Der schreibt, ebenfalls im Katalog Hannover: "Ich war sehr aufgeregt, aber auch sehr stolz. In der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden wurde am 12. September 1959 der 1. Deutsche Kunstpreis der Jugend verliehen - und ich durfte zur Eröffnung der Ausstellung sprechen - zwischen dem Museumsdirektor und dem Kultusminister. Ich soll ein bisschen altklug, aber auch etwas frech gewesen sein, berichtete man mir später. Ich war gerade 24 Jahre alt geworden, lebte damals in Düsseldorf - und da hielt ich natürlich den ganzen Südwesten für tiefste Provinz... Die ganze Ausstellung war viel interessanter und besser als ich erwartet (oder befürchtet?) hatte. Von Walter Stöhrer hing dort ein großes Bild, so erinnere ich mich jedenfalls, es hieß YUMA und war sehr eindrucksvoll. So was hatte ich noch nicht gesehen... Freudige Wiederbegegnung mit Stöhrer und seinem Werk dann 1962 in Berlin in der unvergesslichen Galerie Schüler. Schülers brachten mich auch dazu, meinen ersten Text über Walter Stöhrer zu schreiben.".

Aus diesem ersten Text von 1962 sei zitiert: "Expressionismus fällt einem ein, aber nicht als historischer Stil, eher als Summe all dessen, was man je unter dem Begriff Expressionismus gesehen hat, bis hin zu den Abstrakten, wo die spontane Geste, die unmittelbare, auch ungezügelte, Aktion ins Bild schlägt. Die vehemente Farbe - viel Rot - unterstützt den Eindruck. das Ergebnis des bisweilen geradezu brutalen Farbauftrages ist aber nicht Schock oder Bestürzung seitens des Betrachters. Jene Randgebiete des ungestüm (vielleicht) Gemalten, lassen an den Nahtstellen farbige Nuancierungen durchbrechen, als ob altmeisterliche Akribie, ja geradezu Akademismus am Werk gewesen wäre. Aber nur: als ob! Jene Sorgfalt in der Wirkung - höchste Sinnlichkeit - ist das Resultat der Arbeit und nur auf den Bildern feststellbar, sie wird peinlichst vermieden beim Herstellungsprozess. Expressionistische Erfahrung, dazu die Technig des Tachismus reichen noch nicht aus. Es findet sich jenes kalligraphische Kritzelmoment, das den Umgang mit Linien oder Schriftzügen höchst komplex und folgenschwer macht."

Es ist erstaunlich, wie sehr sich der Maler in allen folgenden Jahren und bei der Weiterentwicklung seiner Malerei im Stil treu geblieben ist, und wie genau Manfred de la Motte die Qualitäten seiner Arbeit erkannte. Jahre später schreibt er: "Walter Stöhrer war vor 30 Jahren jung und frech und ungestühm und nirgendwo einzuordnen... Er war schnell unverwechselbar er selbst, ohne dass es eine für jeden wiedererkennbare "trade Mark" gegeben hätte. Und seine Gelassenheit der frühen Zeit war nicht minder gelassen, als seine heutige... Diese Bilder malten sich nicht von selbst, bloß dass er sie aufrichtig wollen müsste - sie sind Arbeit, ja "Maloche", anstrengend und erschöpfend, riskant und schwierig, gespannt und gänzlich unhandwerklich, wenn man den geruhsamen Atelier-Alltag früherer Zeiten bedenkt. Da geht es schnell und schlagartig zu, da ist wenig zu verbessern, kaum etwas korrigierbar, kein mühseliges Stufe für Stufe und Schritt für Schritt kann dem Anspruch des Gelingen-Müssens folgen; ein totales Scheitern ist immer dabei - nur haben wir, die bloß Angucker daran keinen Anteil - und es geht uns auch nichts an. Und dass "schnelle" Maler es leichter hätten als "langsame" - das ist ein Ammenmärchen aus akademischeren Zeiten, denn die "prima"-Malerei hat es nicht besser, als jene aus Lasuren aufgebaute."

Die Verwandtschaft, ja Ähnlichkeit aller Bilder Walter Stöhrers vom Beginn der 60er Jahre bis zum Ende des Jahrhunderts ist augenscheinlich. Immer wieder stellt man die gleiche Vehemenz, die gleiche starke Farbigkeit und die immer wiederkehrende tragende Rolle der Schrift oder zumindest des skripturalen Zeichens fest.

So stellte auch Johann-Karl Schmidt, der kurz vor Fertigstellung des Neubaus der Galerie der Stadt Stuttgart von Selbstgerechten Stadtvätern dort wegen seiner Kritik am Neubau ins Abseits gestellte damalige Leiter dieser Galerie 1995 fest: "Walter Stöhrer arbeitet, seitdem er malt, an einem perpetuellen Bilde, dessen einziges Motiv er vor sich hertreibt, das aber eigentlich ihn treibt und das von Anfang an er selbst war. Bild und Maler als zwei Verkörperungen ein und desselben Charakters verweisen wechselseitig aufeinander, keines von beiden ist ohne das andere denkbar, und beide decken einander fast sonder Rest."

Da aber Schmidt, wie eben gesagt, ein kritischer Geist ist, geht er auch mit seiner Region ins Gericht, bevor er den Rang des Malers würdigt: "Aber der Weg Stöhrers wurde, wie manches südwestdeutsche Künstlerschicksal, auch durch das in dieser Region unterentwickelte kulturelle Interesse erschwert... Heute leitet sich aus dieser verspäteten Erkenntnis ein Auftrag für die Galerie der Stadt Stuttgart ab, Walter Stöhrer in seiner Heimatstadt Stuttgart - und er ist vielleicht der einzige lebende Künstler unbedingten Ranges im Gebutsregister unserer Stadt - die längst verdiente Aufmerksamkeit zu widmen. Die Städtische Galerie hat in den vergangenen Jahren mit Erfolg versucht, durch Erwerbungen früher versäumtes nachzuholen, ohne damit schon ganz am Ziele einer umfassenden Repräsentation zu sein."

Ihm verdankt das heute Kunstmuseum Stuttgart genannte Haus immerhin 8 große Bilder des Künstlers im Eigenbesitz. Auch die Staatsgalerie Stuttgart, die Walter Stöhrer derzeit die Retrospektive widmet, verfügt über eigene Werke, ebenso wie die meisten bekannten Museen Deutschlands, sei es die Pinakothek der Moderne in München, das Sprengelmuseum Hannover, die Kunsthallen Bremen, Karlsruhe und Kiel, die Museen in Bonn, Darmstadt und Saarbrücken oder das Städel in Frankfurt und das von der Heydt-Museum in Düsseldorf.

Die Heftigkeit seiner Malerei, die Identifikation mit der Arbeit, ein auch quantitativ ungeheures Werk, forderten ihren Tribut, Walter Stöhrer, der hier in Berlin lebte und arbeitete, hier auch eine Professur hatte, daneben in den Sommermonaten auch in Scholderup an der Schlei nahe Schleswig lebte uns arbeitete, starb schon mit 63 Jahren. Am 10. April 2000, also fast genau auf den Tag heute vor 5 Jahren verstarb er in Scholderup. Diese Ausstellung ist somit eine Gedächtnisausstellung in der Galerie, die ihn am längsten und intensivsten begleitet hat.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Hartmut Ackermeier
Rede zur Eröffnung der Ausstellung

zurückImpressionen der Eröffnung von Jan Sobottka

Last update: 13.4.2005