galerie georg nothelfer






László Lakner

zum 70. Geburtstag Schrift und Bild24. April bis Ende Juni 2006

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
vor allem: Verehrter, lieber László Lakner,

wir haben uns heute versammelt, um den Maler László Lakner zu feiern, um ihn zu ehren, anlässlich seines 70. Geburtstages. Die Bilder, die wir sehen – die frühesten stammen aus den Jahren 1976/1977, also noch aus der Berliner Anfangszeit –, umspannen einen Zeitraum von fast 30 Jahren. Sie zeigen uns den Weg eines großen, eines unbeirrbaren Künstlers, dessen Könnerschaft mit vielen Mitteln des bildlichen Ausdrucks umzugehen weiß, eines Künstlers, der vieles, ja fast alles ausprobiert hat – in seinen Budapester Anfängen


auch Film, Video, experimentelle Fotografie, Konzeptwerke, Plakate und immer wieder auch Buchobjekte und Skulpturen. "Ich bin der große Ausprobierer", hat er einmal zu mir gesagt. Dem will ich nicht widersprechen. Ich habe eingangs aber ganz bewusst von dem Maler László Lakner gesprochen, denn, welche Mittel er auch nutzt, wo sein Ausgangspunkt auch liegt, welche Materialien er souverän einsetzt – es endet eigentlich alles immer in großer, blendender Malerei. Diese Malerei ist von höchster Sensibilität, nuancenreich. Sie reicht vom glühend Dunklen, ja fast gewalttätigen (schauen Sie sich das Bild "Lautréamont" an!) bis hin zum heiter Spielerischen der kleinformatigen Collagen.

Was meine ich mit unendlich nuancenreicher Malerei? Vielleicht können wir diese Aussage am besten an Werken überprüfen, die fast zur Monochromie neigen und sich auf eine Farbe konzentrieren wollen. Z. B. am "Duchamp"-Bild, das 1986-1989 entstanden ist. Wer sich in dieses Bild versenkt, wer ihm nahe kommt, auch Fragmente aus einem Gedicht von Marcel Duchamp Cords/Iron wire entziffern kann und dann wieder zurückweicht, erfasst eine sehr sinnlich gemalte Oberfläche, die je nach Blick und Lichteinfall changiert, musikalisch expressive Strukturen freilegt - letztlich eine subtil kalkulierte weiße Farbenpracht, in der die Intelligenz des Laknerschen Malens zu einer Raumempfindung großer Dichte führt. Unwillkürlich müssen wir an den Ausspruch von Stéphan Mallarmé denken: "Das beste Gedicht ist das schweigende Gedicht in lauter Weiß." Ganz ähnliches gilt für das Nachbarbild, welches das berühmte, weil vierfache Palindrom – "SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS" – vergleichsweise streng, jenseits aller Gestik ins Werk setzt. Lakner hat an diesem Bild über viele Jahre gemalt. 1979 begonnen, betrachtete er erst 1994 als vollendet. Wenn Sie sich in die Grundfarbe dieses Bildes versenken, in seine Textur, dieses lichtgetränkte, sonnendurchsetzte, harzfarbene Gelb, welches z. B. der gelbe Marmor in manchen frühbyzantinischen Kirchen aufweist, dann erfassen wir mit einem Schlag die magischen Qualitäten dieser Malerei. Hinter der intellektuellen Disziplin des Palindroms und seiner Setzung ins Bild spüren wir in der flirrenden Wärme der Farbe die emotionale Basis, von der aus László Lakner arbeitet, für uns findet und erfindet.

Man liest immer wieder, dass jeder gute Maler ein ureigenes Territorium hat. Es sei dahingestellt, ob dies wirklich in allen Fällen stimmt. Aber das Territorium von László Lakner, das ihn kenntlich macht, weil es sozusagen emblematische Züge trägt, liegt sicherlich zwischen Malerei und Dichtung. Zahlreich sind die Bilder, in denen Gestus einer fremden Schrift und Nachahmung dieses Gestus eine große Rolle spielen. Lakner fühlt sich in die Schrift der anderen hinein, zieht sie nach, setzt mit heißer Liebe zu Dichtern ihre lyrischen Fragmente um, eignet sie sich so sehr an, dass wir quasi vor "Zuständen des Denkens", vor spirituellen Selbstporträts stehen, wie die zwei großen "Schopenhauer"-Bilder von 1976. Ich kenne keinen anderen Maler, der sich so intensiv mit Lautréamont, mit Schlegel, Schopenhauer, Schwitters, Tatlin, Duchamp, vor allem und immer wieder mit Paul Celan befasst. Lange bevor Rimbauds Ausspruch "Je est un autre" zur Modeformel wurde, hat László Lakner sie mit größtem Ernst praktiziert. Man kann sagen: gelebt.

Nach und nach hat László Lakner diese doch sehr asketischen und formal strengen Bilder mit den Texten anderer hinter sich gelassen, zugunsten von mehr Unmittelbarkeit und Spontaneität. Wichtig in diesem Zusammenhang scheint mir eine Äußerung Lakners aus der New Yorker Zeit, dem Jahr 1981: "Celans Schwarze Milch – diese Worte hätte ich gerne mit einem Flammenwerfer groß auf eine Wand geschrieben." Und er fügte hinzu: "Mir bedeuteten damals die Graffiti der puertoricanischen Jungs in den Straßen von New York mehr als alles andere, was ich in Museen und Galerien sah." Im Rückblick hört sich dies wie eine Ankündigung der freien, sehr expressiven Bilder an, nun mit eigenen Kürzeln und Zeichen, die nicht mehr oder kaum noch zu lesen sind. Schrift und Malerei treffen sich in der Textur, der kommunikative Impuls nimmt sich zurück – wie in einer Liebe, in der es nichts mehr auszusprechen gibt, nur noch gestammelt, geseufzt, geflüstert oder geschrieen wird.

Der Sinn ist die Geste selbst, die reine Bewegung. Lakner selbst nannte diese Kürzel, diese erfundenen Buchstaben in einem Gespräch einmal die Urschrift vor der Sprache. Das ist hochinteressant, weil eine Reihe zeitgenössischer Dichter – allen voran der mit Luigi Nono eng befreundete Andrea Zanzotto – selbst von "Vorsprache" spricht, in dem Sinne, dass er in seinen Gedichten in erster Linie auf das Lallen, das noch nicht Artikulierte eines Kindes zurückgreifen wollte. Onomatopoiia – Lautmalerei, die Übersetzung dieses für die Poetik zentralen Begriffs in die Malerei, ist sicherlich ein zentrales Anliegen dieses Malers. Lakner gelingt das Vor-dem-Sagen mit einer solchen Nachdrücklichkeit, dass es knapp am Etwas-Sagen ist. Diese Texturen wollen als reine Geste geliebt werden und sagen alles auf einmal, wie jene langen Seufzer oder Schreie, oder sie rechnen auf einen großen, langen Blick, der sich von selbst versteht. Es sind also Briefe aus der Einsamkeit. Lebenszeichen. Und er sendet sie aus zu uns, wie es kaum ein anderer kann. Michaux fällt mir ein, Fautrier. Aber Lakners Welt ist doch eine ganz eigene, eigensinnige, berückende Welt. In den letzten Jahren entstanden immer mehr "Farbgedichte" – wie z. B. die blauen "lettres imaginaires" aus dem Jahr 2000, von einer unbegreiflichen, in sich selbst ruhenden Schönheit. Sie machen einen staunen, und Lakner will – glaube ich – auch das: uns staunen machen. Es gelingt ihm immer wieder. Und wir sind ihm dafür dankbar.

Ich möchte noch einmal auf die Einsamkeit zurückkommen. Jean Fautrier hat dazu in seinen Notizen geschrieben: "Etwas Unfaßbares und Schreckliches. Niemand vermag in so vollständiger Einsamkeit die Nerven zu behalten. Allein: aber dieses Alleinsein ist schließlich und endlich eine vollkommene Ausweitung des Selbst: jener Zustand, der uns … die lautersten und absolutesten Lösungen schenkt." Lieber László, ich glaube, auch Du hast in großer Einsamkeit geschaffen. Dass Du so viel mit Paul Celan gearbeitet hast, muss daran liegen, dass Du den quälenden Sinn von Entfremdung und Isolation mit ihm einige Jahre geteilt hast. Aber Du hast auch viel Aufmerksamkeit erfahren. Du hast viele Bewunderer, Liebhaber, Sammler, nicht nur in Budapest und Berlin, zunehmend auch in anderen europäischen Ländern.

Mein Geburtstagswunsch ist, dass Dich – wie vor kurzem das Ludwig-Museum in Budapest – ein großes deutsches Museum mit einer Retrospektive ehrt. Das ist überfällig. Diese schöne Kabinettsausstellung hier in der Galerie Nothelfer deutet die Spannweite Deines Schaffens an. Zwischen den Polen von Konstruktion, von Ordnung und von Emotionalität und Gestus kann man eine phantastische Werkschau bauen, die uns etwas über die Wege eines Intellektuellen in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts sagt, aber nicht nur das – in erster Linie berichtet sie uns vom Triumph der Malerei, die sich der Tradition, dem Vorrat abendländischer Größe bewusst ist, sich aber zugleich dem Offenen zuwendet, ungesicherten Alphabeten, mit einer mal trotzigen, mal anarchischen Lust, immer neue Abenteuer der Farbe und der Linie einzugehen.

Rede zur Eröffnung am 24. April 2006
von Prof. Dr. Joachim Sartorius

Rundgang durch die Ausstellung

Last update: 5.5.2006